Die ARD-Diskussionsrunde „Hart aber Fair“ mit Frank Plasberg fragte sich am 30.05.16: „Eine Spritze für 50.000 Euro – neue Medikamente sind oft extrem teuer. Zu teuer für unser Gesundheitssystem? Darf bei Hoffnung auf Heilung Geld eine Rolle spielen? Und müssen Ärzte bald darüber entscheiden, für welche Patienten sich so viel Aufwand lohnt?“

Unsere Erfahrungen

Pillendose

Foto: Marco Verch (Wikimedia Commons Lizenz)

Aus unserer Selbsthilfegruppe kennen wir Patienten, die das Gewissen plagt, weil sie sehr teure Medikamente erhalten. Was uns beunruhigt: In einem Fall weigert sich die private Krankenversicherung, die vom Facharzt empfohlene Therapie zu bezahlen. Und noch schlimmer: Wir erleben, dass sich Freunde und Angehörige von Patienten z.B. aus anderen europäischen Ländern verzweifelt an uns wenden, weil diese keine moderne Krebsmedikamente bekommen – zu teuer.

Es lohnt sich deshalb, die Sendung noch einmal hier in der Mediathek anzusehen, um sich anschließend zu fragen: Warum erlaubt unsere Politik und unsere Gesellschaft, dass sich private Firmen  überdurchschnittliche Gewinne sichern, während Menschen hier bei uns in Europa leiden, sogar sterben, nur weil sie die teuren Arzneien nicht zahlen können?

Zur Diskussion

Inzwischen bewegen sich die Therapiekosten für innovative Krebsmedikamente zwischen 40.000 und mehr als 100.000 Euro pro Jahr. Das in der Sendung vorgestellte neue Krebsmedikament gegen das Maligne Melanom kostet jährlich 90.000 €, keine Seltenheit. Über Wirkungsweise und Heilungschancen erfuhr man wenig. Was man bisher sagen kann: Den in Studien gewonnenen ermutigenden Daten steht die noch kurze Zeit der Erprobung gegenüber. Es ist also noch unklar, ob dieses neuartige Mittel langfristig zu heilen im Stande ist.

Die Vertreterin der Pharmaindustrie, Birgit Fischer – sie war auch früher Gesundheitsministerin und Krankenkassenchefin – hat trotzdem kein Problem mit dem Preis. Sie argumentiert, das Mittel sei eben so gut, deswegen sei der Preis gerechtfertigt.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach entkräftet daraufhin ein häufiges Argument der Pharma, die Grundlagenforschung sei so teuer. Das  Medikament wurde an US-amerikanischen Unis entwickelt, auch mit öffentlichen Geldern und sei nicht in erster Linie das Verdienst der Herstellerfirma, wie Laien oftmals glaubten.

Wolfgang Huber, Der ehemalige Bischof von Berlin meint, die Monopolstellung eines Medikaments führe zu einem hohen Preis, dadurch werde die Gemeinschaft der Krankenversicherten belastet. Der Arzt dürfe nicht in die Lage kommen, zwischen dem Wohl der Einzelnen und der Gemeinschaft abzuwägen. Wenn es stimme, dass die Firma nicht den Verdienst an der Entwicklung hat, dann sei das unethisch.

Frau Fischer kontert: Die Grundlagenforschung passiere an den Unis, jedoch habe die Pharmafirma das Medikament weiterentwickelt und steht dabei im Wettbewerb zu anderen Firmen, müsse sich am Markt behaupten.

Medikamente nur für Reiche

Ein anderes Beispiel ist eine neuartige Therapie gegen Hepatitis C, sie kostet rund 57.000 € pro Patient, doch kann damit die Krankheit sicher und gut geheilt werden. Prof. Dr. Wolf-Dieter Ludwig ist Chefarzt in Berlin-Buch und als Krebsspezialist Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. Er erläutert, dass nur etwa 5 bis 10% der Patienten weltweit in den Genuss des Mittels kommen, weil es künstlich teuer gehalten werde.

Er betont, dass im Krankenhaus nicht an Medikamenten gespart werde. Die Onkologen würden immer überlegen, was am besten für den Patienten sei: „Der Preis wird uns nicht davon abhalten, etwas Sinnvolles zu verordnen.“. Doch wenn keine Heilung mehr in Aussicht ist, überlege man auch, ob es noch sinnvoll sei, teure Medikamente zu verabreichen.

Was sagt der Faktencheck?

Noch brisanter ist das Ergebnis des im Anschluss an die Sendung üblichen Faktenchecks: Die hier befragten Experten bestätigen, dass man das Verhalten der die Pharmaunternehmen durchaus als unethisch betrachten könne. Deren Gewinne seien überdurchschnittlich hoch.

Zitat: „Selbst ohne Berücksichtigung des Marketings betragen die Gewinne bei einigen Unternehmen bis zu 50 Prozent. Für 2014 lagen sie beispielsweise für den Sovaldi-Hersteller Gilead bei 52 und bei Valeant bei 34 Prozent,“ so Busse.

Viel schwerer wiegt, dass die Pharmafirmen den Preis danach kalkulieren, was in den reichen Ländern pro Jahr an Kosten toleriert werde. Der Gesundheitsexperte Busse dazu: „Das heißt, die Pharmakonzerne peilen einen Therapie-Preis von knapp unter 10.000 Dollar pro Monat an. Bezogen auf das Jahr ergeben sich somit 120.000 Dollar.“

Ginge es auch anders?

Und unser Gesundheitssystem ist bereit, das zu zahlen, noch. Doch schon jetzt bedeutet diese Preispolitik, dass Menschen in ärmeren Ländern praktisch von innovativen Arzneien ausgeschlossen sind.

Theologe Huber berichtet, dass es auch anders gehen kann. In Südafrika nahm man die Ungerechtigkeit der viel zu teuren AIDS-Medikamente nicht mehr hin. Auch auf internationalen Druck u.a. von „Ärzte ohne Grenzen“ lenkten internationale Pharmakonzerne ein. Ein Gesetz von 1997 ermöglichte der Regierung, ihnen ihre Patente abzunehmen und die Medikamente selbst zu produzieren.

Das Video ist hier verfügbar bis 30.05.2017

awi